Unter der folgenden Überschrift bat mich der Autumnus-Verlag, in dem die Knochigunde im Februar 2010 in besonderer Form erschienen ist, etwas zu schreiben. Dieser Bitte kam ich gerne nach.



Warum Reimen glücklich macht


Macht es das? Also diese Überschrift. Aber bitte sehr. Ich will drüber nachdenken.

Reimen hat mich noch nie glücklich gemacht. Reimen geschah doch immer – oder fast immer – in Notsituationen, oder zumindest in Zeiten erheblicher Unzufriedenheit. 

Der Extremfall: Ich stelle mir einen Flugzeugabsturz vor, einen Absturz der Maschine, in der ich sitze. Ich würde dann in Gedanken ganz schnell einen kleinen Text verfassen, der vielleicht so beginnen könnte: Aha, das war es also – warum erst heute – aber sicher ist es darum, weil ich es gewagt habe, mich in die Luft heben zu lassen, wo ich nichts zu suchen habe – was will ein Erdenwurm mit der Vogelperspektive – die Strafe fürs Fliegen ist der Absturz – irgendwie vielleicht aber doch ein wenig unangemessen… 

Die bessere Variante wäre ein Blitzgedicht, wofür mehr Konzentration wesentlich wäre, etwa so: Im Flugzeug der Getriebedrall / führt rasch zu raschem Abwärtsfall, / beziehungsweise: So getroffen ,/ liegt unter mir die Welt ganz offen. /  Die Frage ist, wo werd ich landen – / egal, ich komme gleich abhanden… 

Die beste Variante wäre zweifellos das Einschlafen, das augenblickliche Sich-Wegbeamen, welches ich nur unzureichend beherrsche und als in Frage kommende Möglichkeit von daher beiseite legen muß.

Ich meine, dass ich in der beschriebenen Situation zum Reimen in der Lage sein könnte. Doch, weil das besser ist als panisches Herumschreien oder sprachloses entsetztes Mundaufreißen, auch besser als ein Herzinfarkt. Für den nicht ganz auszuschließenden Fall meiner Rettung hätte ich dann immerhin ein kleines Gedicht vorzuweisen, könnte es meinen Rettern aufsagen –  sofern es nicht einer retrograden Amnesie anheimfiele.

Insofern ist das so eine Sache mit dem Glück oder dem Glücklichsein. Das Reimen enthöbe mich ja in dem beschriebenen Konstrukt der absoluten, wenn auch nur kurzzeitigen, Katastrophenstimmung. Mit einem Gedicht auf den Lippen oder wenigstens in den Hirnwindungen käme der Aufprall – keine so schlechte Art, die winzige Zeitspanne vom Bewußtwerden des nahen Endes bis zum wahrscheinlichen tatsächlichen Ende zu überbrücken. Aber Unglück verkraftbar zu machen, ist noch kein Glück – oder doch? Schmerzlichen Situationen etwas entgegenzusetzen – wenn das Glück ist, macht Reimen in der Tat glücklich.  

Logische Schlussfolgerung: Ich könnte mich glücklicher machen, wenn ich des öfteren reimte, auch in weniger schwierigen Situationen. Ich habe das nicht oft ausprobiert, bisher fast immer nur dann gereimt, wenn es nötig war.


Das erste Gereimte, dessen gierige Konsumentin ich war, waren „Die Heinzelmännchen“ von Johann Peter Hebel, vorgelesen von meiner Mutter, einer Viel-und-gut-Vorleserin; danach waren es die bebilderten frechen Wilhelm-Busch-Sachen und das mich stets ängstigende Gewittergedicht (Chamisso?), das beginnt mit „Urahne, Großmutter, Mutter und Kind in dumpfer Stube beisammen sind…“ – worüber ich an anderer Stelle mehr schrieb.

Als ich selber noch nicht schreiben konnte, verfasste ich mein erstes „Gedicht“ zum Geburtstag meiner Mutter – was nicht in der Weise nötig war, denn es sollte dies zu ihrer Erbauung geschehen. Ich bat meinen Vater, es für mich aufzuschreiben, was er auch willig tat. Die ersten beiden Zeilen meines Erstlingswerkes weiß ich deshalb noch sehr genau, weil mein Vater mich wiederum bat, eine stilistische Berichtigung daran vornehmen zu dürfen – ich weiß noch, dass er den Begriff ‚stilistische Berichtigung’ verwendete, was mich, die Fünfjährige, schwer beeindruckte. Ich hatte ihm diktiert, dabei im Zimmer auf und ab gehend, „Die Frösche, diede quaken, die falln in die Kloaken“, woraufhin er mich mit ernster Miene fragte, ob er das weniger gebräuchliche ‚diede’ ersetzen dürfe durch das Wörtchen ‚welche’ – welches ich nach einigem Überlegen auch entschieden besser fand. 

Jahre später stellte ich fest, dass ich die ehelichen Zerwürfnisse meiner Eltern am ehesten ‚verdichtet’ ihnen präsentieren konnte, sie dabei leicht bis mittelschwer auf die Schippe nehmend, da sie meine Prosa-Entwürfe diesbezüglich als infame Vorwürfe einer Unreifen und als unverzeihliche Beleidigung auffassten. Immer hoffte ich, die beiden zu so etwas wie Vernunft bringen zu können. Also bekamen sie zu den Festtagen meine nur leicht bösartig anmutenden Gereimtheiten, ihren Umgang miteinander betreffend, geschenkt, und ein schnell entfleuchender Hauch von Humor ließ sie kurz aufschmunzeln. 


Das Reimen hat mich also in meinen Jugendjahren nicht glücklich gemacht, aber es war eine besondere Art, mich verständlich zu machen, da es anders, auf normalere Weise, nicht möglich war. Ich hatte damit eine Methode gefunden, welche die engen Grenzen der Familienlegitimität offenbar nicht überschritt. Meine Wahrnehmungen wurden auf diese Weise wenigstens halb-ernst genommen, oder viertel-ernst. Aber natürlich war auch das eine Gratwanderung, und hüben wie drüben drohte immer der Absturz in die Sphären meines Gehaßtwerdens durch die Eltern, wenn ich es zu weit trieb.


Ein paar durchaus glückliche Stunden gab es mit Reimereien, wenn die kleine Familie sich z.B. an einem Weihnachtstage zusammensetzte, sich eine halbe Stunde Zeit vorgab und jeder von uns dreien unter einem vorbestimmten Thema ein Gedicht zu verfassen hatte, wonach wir sie uns vorlasen und das blödsinnigste von ihnen den Wettstreit gewonnen hatte.


Reimen ist ja wirklich Reimen – nicht ‚bloß’ Gedichte zu verfassen. Das in Anführungsstriche gesetzte Bloß soll Gedichte keineswegs abwerten. Gedichte sind –  wenn ich von der modernen oft Kauderwelsch-Lyrik einmal absehe –  Komprimate umfänglicherer Prosagedanken – mehr oder weniger gekonnt zubereitet sozusagen. Gedichte können ein Versmaß haben, einen Rhythmus – sie können auch bar jeglicher solcher Voraussetzungen daherkommen. Manchmal kommen sie auch schön frei von jeglichem Inhalt daher (Morgenstern, Ringelnatz u.a.) – die können richtig gut sein, sofern der Dichter sie transparent so konzipiert hat – in solchen Fällen war der Dichter gewiß in einer glücklichen Stunde beim Niederschreiben. Ich habe auch schon veröffentlichte Gedichte gelesen, die zusätzlich noch befreit von richtiger Orthografie und Grammatik sind und von deren Verfassern ich einen Glücks- oder Unglückszustand beim besten Willen nicht einschätzen kann. 


Wer reimt denn überhaupt? Wem liegt es, Inhalte in Reimen verkleidet oder unverkleidet zum Ausdruck zu bringen? Obendrein unter der Bedingung eines halbwegs vernünftigen Rhythmus? Ist alles gar nicht mehr modern – höre ich öfters. Aber vielleicht sind ja Argumente solcher Art lediglich ein Selbstrettungsversuch aus der Scham bezüglich des eigenen Unvermögens. Der Fuchs nannte die zu hoch hängenden Trauben auch zu sauer. 


Es gibt, denke ich, ein paar Voraussetzungen, die Reimen überhaupt erst möglich machen. Und wem Reimen möglich ist, der wird es tun, wird sich seiner bedienen, wenn es nötig ist. Zu den Voraussetzungen gehören Freude an der Sprache, am Formulieren, eine gewisse Musikalität, ein Gefühl für Rhythmus und Klang – freilich wünsche ich mir für jedes Gedicht eine gewisse Stimmigkeit der Sprachmelodie, ein Vorlesenkönnen ohne Verrenkungen des Sprechapparates, dabei auch ein Erfassenkönnen des Inhalts (so einer vorhanden ist) und, nicht unwesentlich, meine Seelenerreichbarkeit für das, was mir da einer sagen will. Neulich las ich ein sehr gut gemeintes Gedicht, ein gereimtes sogar, welches weitgehend all dies erfüllte, dennoch kam es so dümmlich und ungeschickt dahergetrottet wie jemand in sehr teuren, aber sehr unpassenden Kleidern – auffallend und schlecht . Wobei immer alles natürlich eine Frage des individuellen Geschmacks ist. Es gibt ja viele Leute, die ausgesprochen gern unpassende Kleider tragen, sich sehr wohlfühlen darin, weil sie in ihrer Lächerlichkeit von einigen anderen sogar dafür bewundert werden.


Die deutsche Sprache bietet so viele Reimwörter an. Das macht das Reimen in dieser Sprache relativ einfach. So kann man doch wunderbar blödelnd herumreimen, manchmal auch nach dem Motto ‚Reim dich oder ich freß dich’, ganze Abend-Unterhaltungen können so geführt werden, unglaublichen Spaß machen – sofern Gleichgesinnte sich getroffen haben. Das sind Ausnahmestunden, in denen Reimen nicht nötig ist, nur aus Freude geschieht, so wie ich es früher in meiner Familie ausnahmsweise erlebte. 


Gereimtes für Kinder – nun, ich war ein Kind, dem Gereimtes sehr viel Freude gemacht hat. Es war eingängig zu hören, gut zu merken wie eine gesungene Melodie. Es hat mir so viel Freude gemacht, dass ich selbst beizeiten mich daran versuchte und wiederum Freude am Gelingen fand. Als ich merkte, dass ich das kann, dazu fähig bin, legte ich diese Fähigkeit für viele Jahre ab, in eine Schublade wie eine Jacke, von der ich weiß, ich kann sie jederzeit wieder hervorholen, wenn ich friere, wenn ich sie nötig habe. Ich widmete mich anderen Dingen, schrieb anderes, reimte nicht mehr. Bis mich ein befreundeter Karikaturist bat, seine Zeichnungen zu betexten. Dies geschah während eines ziemlich üblen Abschnitts meines Lebens. Die Zeichnungen sprachen für sich, benötigten keine Texte. Aber ich besann mich jener warmen Jacke, weil ich fror, weil ich mich in einem Absturz befand, nicht in einem rasenden flugzeugigen, vielmehr in einem langsamen, nicht weniger gründlichen. Da ich keine Veranlagung zum Depressiven habe, hüllte ich mich in die Jacke, befasste mich intensiv mit jeder der hundertzwanzig grandiosen kleinen Zeichnungen und – reimte zu jeder von ihnen einige Zeilen. Es war gewiß keine Zeit des Glücks, diese Reimereien machten mich nicht glücklich, aber sie halfen mir – fast hätte ich gesagt: den Absturz zu genießen – das wäre falsch, ich bin kein Masochist – aber den Absturz zu benutzen, ihm etwas zu entlocken, aus – pardon – Scheiße ein Bonbon zu machen. Diese Fähigkeit zu besitzen – vielleicht ist allein das ja doch so etwas wie Glück?

Ein junger Mann im feinen Anzug steht, hilflos hinunterblickend auf seinen leeren Geigenkasten, im Rücken eines stiernackigen, finsteren alten Anglers. Im Geigenkasten liegen Angelkram und einige tote Fische, während das Instrument im Fluß davonschwimmt.

Befremdet blickt der junge Mann, / weil er es gar nicht fassen kann: / Dieweil er nur mal pipi machte, / kam dieser Angler, und der dachte… - / nein, denken war ihm wohl nicht eigen - / hier kann der Künstler nur noch schweigen. / Im Flusse treibt jetzt die Amati - / war ein Geschenk von seinem Vati. / So endet jäh nach der Premiere / die einzigartige Karriere. / Der Angler, dafür unempfindlich, / dankt für den Kasten, unverbindlich.


Und als es dann diesen kleinen Jungen gab, aufgeweckt und sprachbegabt, und als meine üble Zeit noch immer kein Ende hatte, im Gegenteil, sie noch um einiges schlimmer wurde – die Frostschutz-Jacke hatte ich gar nicht abgelegt, entschloß ich mich zu einer kleinen Geschichte fürs Kind, zu einer Art Märchen, zu Spannung und Herzklopfen-Machen, und zu einer Lösung der Spannung nur durch den kleinen Jungen selber. Bebildern wollte ich das Ganze auch – binden lassen, fertig, ein persönliches Buch fürs Kind. 

Was dann geschah, war so etwas wie Glück im Unglück. Während ich den Hexentext reimte, die Dame Knochigunde nannte, fühlte ich mich tatsächlich herausgehoben, weggenommen aus allem realen Ungemach, das für mich Warten hieß, Warten und Geduldhaben und Aussitzen. Es war wie in dem Frau-Holle-Märchen: Ich war in den Brunnen gestürzt, aber da war kein Absaufen, kein Strohhalm suchendes Herumgeruder, da war so viel zu entdecken, zu beschreiben und zu bedenken in dieser neuen ganz unerwarteten phantastischen Welt, da passierte so viel in diesen Tagen. Die realen vordergründigen Belanglosigkeiten erledigte ich wie in Trance – oder war es umgekehrt? Das Malen der Bilder im Anschluß ans Texten brauchte noch viel mehr Zeit. Eine ganze Jahreszeit ging darüber hin, aber ich blieb in meiner heraufbeschworenen Zauberwelt, im Text, in den Bildern, lebte nur dort, im einzig scharf fotografierten Wassertropfen inmitten eines Blätterwalds, der samt und sonders nur schemenhaft unscharf von mir wahrgenommen wurde. Vielleicht war das Glück. Mein Glück. In jenem Sommer nicht so empfunden, weil ich mir im eigenen Verhextsein durchaus auch meiner so inszenierten Realitätsflucht bewusst war. Die war aber nötig – wie sonst hätte ich die Realität aushalten sollen. 


Mein Kindsein liegt lange zurück. Meine Mitkinder damals waren der Sprache oder gar der schönen Sprache, der besonderen Sprache von Gedichten und Reimen, relativ wenig zugetan – daran erinnere ich mich gut. Sich selbst im Schriftlichen darin zu versuchen, lag ihnen fern. Mit den heutigen Kindern ist es nicht schlechter bestellt als vor vielen Jahren. Das liegt vielleicht in ihren Genen begründet, und von daher an ihren Eltern, wie damals. Es liegt an der Welt, in der sie aufwachsen, an guten oder weniger guten Lehrern, an zahlreichen Einflüssen. Ich war offen, von Kindertagen an, für diese Art des Sich-Ausdrückens, glückliche Zufälle mögen es begünstigt haben. Schreiben ist mir frühzeitig ein sehr wichtiges Ventil geworden; das Reimen ist ein Teil davon. Und wer so ein Ventil gefunden oder entwickelt hat, soll es nutzen – diese Nutzungsfähigkeit ist Glück. Reimen selbst ist nur Reimen, passende Wörter aneinanderfügen (die man freilich kennen muß). Komponieren ist nur das Aneinanderfügen von Tönen (deren Verschriftlichung man fähig sein muß). Glück ist, wenn es zu einer individuellen Ausdruckskraft heranwächst, die man für sich zu nutzen weiß. Luxus-Glück ist, wenn es ein paar andere Menschen gibt, denen das zusagt, die Gefallen finden an solcher Art Schöpfung. Aber im Grunde ist es vollkommen gleichgültig, ob die Kleider passen oder nicht – mir müssen sie passen, in den Kram passen – die anderen sollen sie finden, wie sie wollen. Kindern, denke ich, muß alles nahegebracht werden, damit sie die Möglichkeit haben, ein Gefühl dafür zu entwickeln, sich zu entscheiden. Dafür sind wir Großen da. Ob die Kinder diese Möglichkeit nutzen (können oder wollen), ist eine andere Frage.


Knochigunde war ein Stück Freude, zweifellos, für mich und für Jakob, den kleinen Jungen, der ihre Erfindungen und Zaubereien, sobald sie bei ihm eingezogen war, noch richtig lange neugierig, staunend, respektvoll-fasziniert und schließlich ahnend-augenzwinkernd miterlebte und mit seinem eigenen Handeln die diversen Hexereien durchaus beeinflussen konnte – wenn das kein Glück ist!


Und hock ich frierend in der Kacke,

ganz böse auf die Welt und denk:

Sie ist doch da, die Frustschutzjacke – 

ein ziemlich hilfreiches Geschenk.

Ich kann mich doch in ihr verhüllen,

dann tut die Welt nicht mehr so weh,

ich schreibe ganz nach meinem Wüllen.

Und selbst vom allerdicksten Schnee

weiß ich am Ende: Och, DER taut…

Kann in der Zeit die Welt verreimen –

sie ist ja wirklich sehr versaut,

und neue Ungemache keimen –

mit Frustschutzjacke wird’s verdaut.

Und wenn mir im extremsten Falle 

im Sturz die Worte fehlten – oh.

Vom Himmel auf die Erde knalle

nach diesem Fall ich sowieso.

In jener Jacke dann zu sterben 

– allein: Sie ist recht unsichtbar –

wär’s ein Vergnügen zu vererben

das gute Stück, weil’s nützlich war.


Ulla Burges, Januar 2010