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Kopfkunde

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Kleine Kopfkunde



Der früheste Mann sei dermaleinst aus einem Klumpen Lehm erschaffen worden, so geht die Kunde. Die früheste Frau aus einem Teil von ihm als Resultat der ersten Stammzellforschung. Der Könner soll Gott gewesen sein – so steht es geschrieben.

Ich bevorzugte vor Jahren Ton und blieb dabei, da Lehm mir zu gefährlich gewesen wäre, denn so richtig lebendig wollte ich sie nicht, die Wesen, welche Gestalt annehmen sollten durch meiner Hände Arbeit – Sie sehen ja, was bei der Gattung so insgesamt herausgekommen ist.

Mit Esoterik oder homöopathischen Globuli hat das Ganze nichts zu tun. Denken Sie auch nicht an die Mandelextrakte des Herrn Jan Pfütz. Das ist etwas anderes.

Es ist nicht einfach, dieses quasi Zurück-zur-Natur. Aber mit Ihrem Mut zur Tat wächst Ihre Freude, das versichere ich Ihnen. Daher möchte ich Sie einladen zu folgendem Versuch.

Nehmen Sie einen satten feuchten Klumpen des natürlichen Materials Ton, hellen oder dunklen, wie Sie wollen. Wiegen Sie ihn liebevoll in der Hand, kneten und drücken Sie ihn, lassen Sie ihn so entstehen, wie er es möchte, helfen Sie ihm in die Form, aber lassen Sie ihn gewähren. Während dieses Prozesses sollten Sie in sich gehen, sich fallen lassen, eine sanfte Melodie in fis-moll singen, vielleicht gelingt Ihnen die zweite oder dritte Stimme. Sie werden staunen, wie sich alsbald eine vortreffliche Physiognomie herausbildet, wie Schönheit und Intellekt der kleinen Wesen sozusagen innen bleiben, hinter ihrem Antlitz verborgen. Denken Sie dabei an die echten Menschen – vergleichen Sie, überprüfen Sie und werden Sie nicht müde, die Wahrheit zu suchen. Sie werden gewiß Freude haben an Ihrem Schmerz, denn er lässt Großes sich vollenden. Dellen Sie dort ein wenig ein, buchten Sie an anderer Stelle ein wenig aus, zupfen Sie hie und da, bis der Ton sich beruhigt und Ihnen Zufriedenheit signalisiert, indem ein beinah kompletter Kopf Sie anschaut.

Und dann müssen Sie mit ihm sprechen, natürlich, was denken Sie denn! Ihm Leben einhauchen sozusagen. Reden Sie mit ihm, genauso wie Sie es mit sich selber tun, oder mit Omma, oder mit dem Hund, oder mit der Topfpflanze – alles will doch gedeihen, braucht Zuwendung – denken Sie an den armen Kaspar Hauser.

Ganz am Ende der zahlreichen Prozeduren werden Sie die originellsten, interessantesten, allerliebsten, komischsten, neckischsten kleinen Banausen um sich haben – so schaffen Sie sich Freunde, echte, ehrliche, gewitzte, rätselhafte und geheimnisvolle Kreaturen mit der zarten Dosis Sadismus, den Sie ihnen vererbt haben. Und sehen Sie: Allesamt sind sie die ungefährlichsten Geschöpflein der Welt. Glauben Sie nur nicht an „schwarze Auren“ und „schlechte Energien“, die manche Menschen den neuen Wesen andichten wollen. Von solchen Menschen sollten Sie sich übrigens fernhalten.

  • Und nun das Pro-Kopf-Rezept:

  • - 75,3 mg Stimulus-Pastillen
  • - 0,5 mg Kreativität
  • - eine Hand voll Ton
  • - Luft zum Trocknen
  • - ein Brennofen
  • - Farbe (auch Blut und andere Naturprodukte werden vom Ton gemocht)
  • - Haare, diverse Fasern und allerlei Gedöns für Schmuck und Piercings
  • - extravagante Brillen und Tätowierungen
  • - eine sehr besondere Liebe zum Menschen
 



Im Übrigen halte ich es mit Alfred Polgar: Ich glaube an das Gute im Menschen - ich rate aber, sich auf das Schlechte in ihm zu verlassen.



Von Herzen
Ihre Schinderhanna



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