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Kopfgeschichte

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Menschenmacher




Er ist mir begegnet. Voriges Jahr am Dienstag.
Ich sah ihn, sah weg, stutzte, sah wieder hin – das geht nicht, dachte ich, das gibt es nicht; ich spürte, wie mir das Blut aus dem Gehirn wich und stürzte augenblicklich zu Boden.

Als ich wieder zu mir kam, stand er über mich gebeugt, rief etwas und ohrfeigte mich. Ich war wieder wach, wusste nicht, warum er mich fortwährend weiter ohrfeigte.
„Sie sind mein Politiker“, stammelte ich, mehrfach, „Sie sind doch mein Politiker!“

Er brüllte etwas von Notrufnummer und Arzt holen, womit sein Gesicht immer mehr zu dem des Politikers wurde; ich wurde auch lauter und rief ihm zu, nein, verdammt, kein Arzt, ich sei doch nur umgefallen, weil er mein Politiker sei – nicht begreifend, warum das offenbar für ihn so schwer zu begreifen war.
Tatsächlich glich er einem von jenen, die ich vor längerer Zeit, ohne ein konkretes Vorbild vor Augen zu haben, als maulaufreißenden Fanatiker frei erfunden und ihn schließlich „Politiker“ genannt hatte.

Auch so herum geht das also, dachte ich, noch am Boden liegend, und eine kleine wilde Freude durchfuhr mich im Bewußtwerden der Tatsache, dass es sie offenbar alle, alle wirklich gibt, auch die völlig frei Erfundenen – irgendwann laufen sie einem einfach so über den Weg.

Später habe ich beide dazu bewegen können, den Politiker und den Notarzt, mich einmal zu besuchen. Dann wussten sie endlich, was ich meinte, als sie sich die zahlreichen kleinen Köpfe betrachteten. Und verstanden es dennoch nicht. Denn ich musste mir (zum hundertsten Male - nun auch on ihnen) die Frage gefallen lassen, warum um alles in der Welt ich „so etwas“ machen würde. Ob es Ängste seien oder Wünsche, die ich damit zum Ausdruck bringen wolle. Und ich fand es ein bisschen zum Kotzen, dass ich zum hundertsten Male meinen kleinen Vortrag halten musste, wohl wissend, dass er, ebenso wie die Köpfe selbst, mit kopfschüttelnder Nicht-Nachvollziehbarkeit honoriert wurde, unter dem Tenor: Gewiß…, aber…, warum um alles in der Welt…
Dann stimmte ich, bereits nicht mehr allzu bemüht, das Liedchen vom Topf an, welcher ein Loch hat. Der Politiker wusste damit nichts anzufangen – in seinem wirklichen Leben war er übrigens ein geschiedener Hartz-IV-Empfänger, der sich dem Alkohol und der Schlangenzucht ergeben hatte. Der Notarzt kannte das Liedchen und lächelte mild: Das sei das Lied, das andere seien diese Köpfe… Der Boa-constrictor-Nicht-Politiker gab es auf, ging mit einer wegwerfenden Handbewegung aus dem Haus, hatte Wichtigeres zu tun als sich bei einer Frau, die offenbar nicht ganz richtig im Kopf war, missgestaltete Visagen anzusehen und sich Kinderlieder vorsingen zu lassen.

Der Notarzt war etwas hartnäckiger. Er kam noch mehrmals, zeigte Interesse, weniger an den Köpfen als an mir. Er war ein rundgesichtiger, spitzmündiger Typ mit leichtem Silberblick, einsam und vielleicht ein bisschen klug, gebärdete sich aber äußerst ungeschickt mit deutlichen Anflügen von Arroganz, schwitzte schnell und legte sich die Haare über die Glatze. Eines Tages überreichte ich ihm, in Erwartung von so etwas wie Humor, den ich zuvor in Ansätzen bei ihm gefunden zu haben glaubte, eine kleine Karikatur seiner selbst aus Ton – während des Herstellungsprozesses hatte ich ihn beinahe ein wenig lieb gewonnen.
Er verzog sein rundes Gesicht zu einem gekünstelten Lächeln. „Das soll wohl ich sein“, murmelte er, bedächtig immerfort vor sich hin nickend, „so siehst du mich also“.
Enttäuscht und gekränkt verließ er mich, nachdem er das unschuldige Tonköpfchen wenig behutsam auf den Tisch gestellt hatte. Er besuchte mich nicht wieder.
Beruflich beschäftige ich mich mit Menschen und ihren Begegnungen, Beziehungen – ist es denn verwunderlich, dass ich sie mitunter recht genau betrachte und das eine oder andere Abbild von ihnen schaffen möchte?




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